Kanonisierung als Macht: Wie der Literaturkanon der frühen Neuzeit Frauen ausschloss

Der Kanon trägt dazu bei, literarische Werke über einen langen Zeitraum zu bewahren und zu vermitteln. Vor allem im Bildungsbereich ist der Kanon von großer Bedeutung, da er bestimmt, welche Werke an Schulen und Universitäten gelehrt werden. Dennoch oder gerade deshalb – sollte der Kanon selbst, seine Entstehung und seine Folgen kritisch hinterfragt werden. Genau darum soll es in diesem Beitrag gehen. Der Fokus liegt dabei auf dem Literaturkanon der frühen Neuzeit in England und seinem Verhältnis zu weiblichen Schriftstellerinnen.

Politische Hintergründe, ideologische Funktionen sowie historische Veränderungen sind notwendigerweise mit dem Kanon verknüpft. Das deutet darauf hin, dass kanonisierte Texte nicht objektiv ‘großartig’ oder bedeutend sind. Dazu stellt Melinda Alliker Rabb ergänzend fest:

„The formation of an English canon is part of a dialectic, a reaction against the perceived feminization of culture […..]“ (Rabb, 2002. S.342)

– ein erster Hinweis darauf, dass der Kanon auf misogynen Strukturen basiert.

Die Formen, in denen sich der Ausschluss von Frauen aus dem Kanon zeigt, sind vielfältig. Zum einen ist auffällig, dass Werke von Frauen anders gelesen werden als solche von Männern: Bei Texten weiblicher Autorinnen werden vor allem historische und empirische Aspekte betont, während formale und literarische Merkmale oft unberücksichtigt bleiben. Dies liegt möglicherweise daran, dass diese Werke häufig eher als Mittel zu ideologischen oder wirtschaftlichen Zwecken – statt als autonome Kunst – betrachtet werden. 

Bei Werken männlicher Autoren verhält es sich anders: Dort werden Form und literarische Gestaltung, also jene Aspekte, die für die Kanonisierung besonders relevant erscheinen, stärker gewichtet. Die Ansprüche an die Form sind zudem fragwürdig, da sie aus einer maskulinen Perspektive stammen und Frauen grundsätzlich strukturell benachteiligen. Dazu erklärt Danielle Clarke:

„The field tends to measure the works of women writers by the Procrustean bed of aesthetic and formal standards established by canonical male authors and then to marginalize those texts when they do not fit these predetermined criteria.“ (Clarke, 2024. S.303)

Ein weiterer Grund für den Ausschluss von Frauen aus dem Kanon ist die geringe Zahl an überlieferten Werken von Autorinnen aus der frühen Neuzeit. Dies lässt sich einerseits damit erklären, dass aufgrund fehlender Bildungschancen weniger Frauen schreiben konnten. Zudem mussten Frauen, die vor dem 18. Jahrhundert literarisch tätig waren, mit erheblichen gesellschaftlichen Konsequenzen rechnen wie Isolation, sozialem Druck oder sogar Misshandlung , die bis zum Suizid führen konnten. Andererseits ist es häufig aufwendiger, in Archiven Spuren weiblicher Schriftstellerinnen aus der frühen Neuzeit zu finden. Viele wechselten nach der Eheschließung ihren Namen, zogen um oder wurden durch familiäre Strukturen aus dem öffentlichen Blickfeld gedrängt. Zudem veröffentlichten Frauen ihre Werke häufig anonym, unter Pseudonymen oder in Gruppen was ihre Identifikation erschwert. Dies ist relevant, weil identifizierbare Autorinnen und Autoren in der Kanonbildung höher bewertet werden als anonyme oder kollektiv entstandene Texte.

Auch das Genre spielt eine entscheidende Rolle. Der Kanon der frühen Neuzeit bevorzugt Gattungen, die vor allem von Männern dominiert wurden. Viele Schriftstellerinnen hingegen arbeiteten in Genres, denen lange Zeit ein geringerer literarischer Wert zugeschrieben wurde etwa dem Roman oder nicht als literarisch, sondern als historische oder praktische Texte galten: etwa Tagebücher, Biografien oder Rezeptbücher. 

All diese Faktoren sollten keinesfalls als Rechtfertigung für den Ausschluss von Frauen aus dem Kanon verstanden werden. Im Gegenteil: Sie verdeutlichen, dass der rigide, binäre Rahmen des Kanons Frauen systematisch benachteiligt. Damit wird der Einfluss weiblicher Schriftstellerinnen des 16. und 17. Jahrhunderts nicht nur unterschätzt, sondern aktiv verschleiert. Dazu formuliert Clarke treffend:

„The history of editing and anthologisation of early modern women writers is a cautionary tale in relation to ideas of the canon namely that inclusion and exclusion are acts of constant negation but also reveals that the terms of admittance are little to do with form, aesthetics or genre, and everything to do with structural inequalities and patriarchy. Women remain marginal to the canon because women remain marginal.“ (Clarke, 2024. S.305)

Wenn man erkannt hat, wie problematisch der Kanon ist, stellt sich die Frage, wie mit ihm konstruktiv umgegangen werden kann. Lassen sich die Grenzen des Kanons einfach für marginalisierte Gruppen öffnen – oder müssen dafür zuerst Werke entfernt werden, um den Kanon übersichtlich zu halten? Gibt es andere Wege, die strukturellen Probleme des Kanons zu lösen? Oder sollten wir den Kanon grundsätzlich aufgeben? Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns im Beitrag Rereading, Rekonstruktion, Erweiterung – wie feministische Forschung den Kanon neu schreibt’.

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Literaturverzeichnis

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