Rereading, Rekonstruktion, Erweiterung – wie feministische Forschung den Kanon neu schreibt

Wie bereits im vorherigen Beitrag zum Literaturkanon deutlich wurde, wurden Schriftstellerinnen durch ihre systematische Ausgrenzung aus dem Kanon über Jahrhunderte hinweg marginalisiert. Schon seit Jahrzehnten machen feministische Wissenschaftler:innen auf diese strukturelle Vernachlässigung der Literatur von Frauen aufmerksam.

Um diesem Missstand entgegenzuwirken, haben sich mehrere Formen feministischer Kanonkorrektur etabliert: 

  • das sogenannte Rereading, also die erneute Lektüre bereits kanonisierte Werke aus feministischer Perspektive,
  • die Erweiterung des Kanons durch die Aufnahme von Texten von Frauen,
  • die Konstruktion eines Gegenkanons, der ausschließlich oder überwiegend Werke von Frauen berücksichtigt

(Die Dekonstruktion des Kanons ist im Prinzip auch eine Option, wird jedoch oft  aufgrund des hohen Aufwands und der daraus resultierenden Unübersichtlichkeit kritisch gesehen.)

Das Ziel des Rereadings – also der Neu-Lektüre – besteht darin, weibliche Figuren neu zu interpretieren und patriarchale Strukturen sichtbar zu machen. Dadurch werden zwar bisher übersehene Aspekte hervorgehoben, der Kanon selbst wird jedoch nicht grundlegend verändert.

Eine weitere Form von Kanonkorrektur richtet den Blick auf die Autorinnen selbst: Ziel ist es, Werke von Frauen in den Kanon einzubinden. Dabei gibt es unterschiedliche Ansätze. Häufig wird argumentiert, dass bereits bekannte, im Kanon etablierte Autorinnen stärkere Berücksichtigung verdienen. Diese Strategie wird von vielen feministischen Forscher:innen abgelehnt, da durch sie nur wenige Frauen in den Kanon aufgenommen werden. Stattdessen wird gefordert, den Kanon für eine größere Vielfalt an Autorinnen zu öffnen. Ein entscheidender Faktor hierfür sind Rekonstruktionsarbeiten, die dazu beitragen, verdrängte Autorinnen und ihre Werke wiederzuentdecken und neu zu publizieren. Diese Arbeit bildet die Grundlage für die Entwicklung eines Gegenkanons – gleichzeitig bleibt der Anspruch bestehen, dass Frauen in den regulären Kanon aufgenommen werden.

Zum Begriff des Gegenkanons (engl. counter canon) äußert sich die amerikanische Forscherin und Aktivistin im Bereich Women’s Studies, Lillian Sara Robinson:

„[…..], it is only in certain rather restricted contexts that literature by women has in fact been explicitly placed “counter” to the dominant canon. Generally speaking, feminist scholars have been more concerned with establishing the existence, power, and significance of a specifically female tradition.” (Robinson, 1983. S.90)

Demnach wäre der Begriff ‘Alternativkanon’ möglicherweise treffender. Gegen den  Begriff ‘Gegenkanon’ lässt sich einwenden, dass er dazu beitragen könnte, Frauenliteratur zu ‘ghettoisieren’. Werke von Frauen würden dann nicht als gleichwertiger Bestandteil des Literaturkanons wahrgenommen, sondern als etwas Eigenständiges und Nachgeordnetes.

Doch Frauenliteratur war und ist keinesfalls isoliert. Sie spielt vielmehr eine zentrale kulturelle Rolle in der Geschichte der Gesellschaft. Ein umfassendes Verständnis der Kultur ist ohne die Perspektive von Frauen nicht möglich:

„by including the perspective of women (who are, after all, half the population), we will “know more” about the culture as it actually was. […..] There is no reason why the canon need speak with one voice or as one man on the fundamental question of human experience.” (Robinson, 1983. S.89)

Die Erweiterung des Literaturkanons durch die Aufnahme von Texten aus weiblicher Feder soll daher dazu beitragen, die literarische Wirklichkeit umfassender abzubilden. Bisher wurden überwiegend Werke von professionellen Autorinnen berücksichtigt. Doch man könnte auch andere Textformen einbeziehen, die traditionell nicht als ‘literarisch’ gelten – etwa Briefe, Tagebücher oder Autobiografien.

Letztendlich ist entscheidend, dass Literatur von Frauen als gleichwertiger Bestandteil des Literaturkanons anerkannt wird. Wie Robinson treffend formuliert:

„the longer we wait, the more comfortable the women’s literature ghetto – separate, apparently autonomous, and far from equal – may begin to feel.” (Robinson, 1983. S.95)

538 Wörter

Literaturverzeichnis

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert