Eine der bekanntesten Strategien ist die Verwendung von Pseudonymen. Viele Frauen haben sich dieser Strategie bedient, vielleicht sogar noch mehr, als wir bis dato wissen. Die Wahl eines männlichen oder geschlechtsneutralen Pseudonyms kann dabei als Reaktion auf strukturelle Benachteiligung im Literaturbetrieb verstanden werden. Laut Leonie Schöler zeigt sich die Benachteiligung von Autorinnen darin, dass
„das Schaffen von Frauen und nicht weißen Autor*innen weniger ernst genommen wird als das von weißen Männern. Geschichte und Themen, die nicht aus einer rein männlichen, cis-heteronormativen weißen Perspektive erzählt werden, schrumpfen zu vermeintlichen Nischenerzählungen.” (Schöler, 2026, S.279)
Generell waren Anonymität und die Veröffentlichung unter Pseudonym(en) in der Vergangenheit nicht unüblich, sondern sogar die Norm. Vom 18. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die meisten Werke anonym oder unter Pseudonymen veröffentlicht. Der Historiker James Raven stellte fest, dass zwischen 1750 und 1800 ein Großteil der Romane anonym veröffentlicht wurde. Dies war unabhängig vom Geschlecht des Autors/der Autorin der Fall, da die Gründe für Anonymität und Pseudonymität vielfältig waren. Häufig dienten beide dazu, die Privatsphäre zu bewahren.
Während im 18. Jahrhundert Autorinnen und Autoren noch überwiegend anonym veröffentlichten, wurden ab Mitte des 19. Jahrhunderts Pseudonyme bevorzugt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Bedeutung beider Praktiken im Literaturbetrieb deutlich ab.
Besonders wichtig war die Veröffentlichung unter Pseudonym für Frauen aus gescheiterten Ehen, da sie sich in finanziellen Notlagen befanden und daher auf Einkünfte aus ihrer schriftstellerischen Tätigkeit angewiesen waren. Männliche Pseudonyme boten ihnen die Chance, Akzeptanz zu finden und Ablehnung durch Herausgeber sowie gesellschaftliche Vorbehalte zu umgehen.
Zudem verwendeteten Frauen Pseudonyme, um ihre Privatsphäre zu schützen und ihren Ruf zu wahren. Dies galt vor allem für Romanautorinnen, weil die Gattung Roman Mitte des 19. Jahrhunderts in der Gesellschaft keinen hohen Stellenwert genoss, insbesondere wenn die Werke kontroverse Inhalte behandelten. Trotzdem haben einige Männer Romane unter ihrem echten Namen veröffentlicht, während Frauen diese Möglichkeit aus Sorge um ihren Ruf nicht offen stand. So wird deutlich, dass die Veröffentlichung unter Pseudonym für Frauen eine wichtige Voraussetzung für Partizipation darstellte. Dazu schreibt Claudia Stokes:
„Disguise and concealment need not obstruct women’s literary careers but could enable them to circumvent public restriction, whether coverture, gender convention, or literary reputation.” (Stokes, 2022, S.62)

Louisa May Alcott, auch unter ihrem Pseudonym A. M. Barnard bekannt, ist ein Beispiel für eine Autorin aus dem 19. Jahrhundert, die ein männlich klingendes Pseudonym nutzte, um Romane mit progressiven und feministischen Inhalten veröffentlichen zu können. Einige ihrer Werke handeln nämlich von geschiedenen oder verlassenen Frauen, die versuchen, ihre finanziellen Schwierigkeiten durch künstlerische Tätigkeiten zu bewältigen.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass männliche Pseudonyme vielen Autorinnen die Möglichkeit eröffneten, ihre Werke und Ideen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Auf diese Weise konnten sie trotz gesellschaftlicher Vorbehalte im literarischen Diskurs teilnehmen. Langfristig trug dies dazu bei, die Präsenz von Frauen im Literaturbetrieb zu stärken und die Voraussetzungen dafür zu verbessern, dass Autorinnen gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend unter ihrem eigenen Namen veröffentlichen konnten.

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